Wilhelm Söhne * 1882: Unterschied zwischen den Versionen

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Friedrich Wilhelm Söhne wurde am 26.11.1882 in Rhadern geboren und am 26.12.1882 getauft. Er war ein Sohn des Wilhelm Söhne und der Christiane geb. Gerlach (Nr. 126).  
[[Image:Söhnelohof.jpg|thumb|right|256x196px|Söhnelohof.jpg]]Friedrich Wilhelm Söhne wurde am 26.11.1882 in Rhadern geboren und am 26.12.1882 getauft. Er war ein Sohn des [[Söhne,_Wilhelm_*_1853|Wilhelm Söhne]] und der Christiane geb. Gerlach (Nr. 126).  
 
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In der standesamtlichen Geburtsurkunde wird ebenfalls nur die Mutter genannt und Angaben zum Vater fehlen. Aber auch fehlende Angaben können etwas aussagen: der unter dem Namen Gerlach geborene uneheliche Sohn Wilhelm lebte ab der Heirat des Wilhelm Söhne und der Christiane Gerlach unter dem Namen Söhne und galt fortan aus rechtlicher Sicht als ehelicher Sohn. Aber wenn ein anderer als der Wilhelm Söhne sein leiblicher Vater gewesen wäre, hätte eine Namensänderung nur durch Annahme an Kindes Statt erfolgen können und als Randeintragung auf der Geburtsurkunde vermerkt werden müssen. Dies ist jedoch nicht erfolgt und stellt für mich ein weiteres Indiz dar, daß der Sachsenhäuser Wilhelm Söhne auch als leiblicher Vater gegolten hat.  
In der standesamtlichen Geburtsurkunde wird ebenfalls nur die Mutter genannt und Angaben zum Vater fehlen. Aber auch fehlende Angaben können etwas aussagen: der unter dem Namen Gerlach geborene uneheliche Sohn Wilhelm lebte ab der Heirat des Wilhelm Söhne und der Christiane Gerlach unter dem Namen Söhne und galt fortan aus rechtlicher Sicht als ehelicher Sohn. Aber wenn ein anderer als der Wilhelm Söhne sein leiblicher Vater gewesen wäre, hätte eine Namensänderung nur durch Annahme an Kindes Statt erfolgen können und als Randeintragung auf der Geburtsurkunde vermerkt werden müssen. Dies ist jedoch nicht erfolgt und stellt für mich ein weiteres Indiz dar, daß der Sachsenhäuser Wilhelm Söhne auch als leiblicher Vater gegolten hat.  


Schließlich gibt es noch einen Ehelichkeitsfeststellungsbeschluß, den Wilhelm am 9. Juni 1939 bei dem Amtsgericht Korbach erwirkte. Auch darin wird der Sachsenhäuser Wilhelm als Vater genannt (siehe Datei söhnelohof1.jpg) und es gibt keinerlei Hinweise auf einen möglichen anderen Erzeuger. [[Image:Söhnelohof1.jpg|thumb|right|Söhnelohof1.jpg]]  
Schließlich gibt es noch einen Ehelichkeitsfeststellungsbeschluß, den Wilhelm am 9. Juni 1939 bei dem Amtsgericht Korbach erwirkte. Auch darin wird der Sachsenhäuser Wilhelm als Vater genannt (siehe Datei söhnelohof1.jpg) und es gibt keinerlei Hinweise auf einen möglichen anderen Erzeuger. [[Image:Söhnelohof1.jpg|thumb|right]]
 
Somit weisen alle mir bisher bekannten Akten darauf hin, daß Wilhelm nicht nur der rechtliche, sondern auch der leibliche Sohn des Sachsenhäuser Wilhelm Söhne war. Dagegen spricht nur die Aussage seiner Schwester Elise, die ihn als Halbbruder bezeichnet hatte. Vielleicht läßt sich dieser Widerspruch dadurch erklären, daß unehelich geborene Kinder bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur aus der Erbfolge ausgeschlossen waren, sondern auch der Anrüchigkeit unterlagen und bestimmte Berufe (z.B. Priester oder Handwerker) nicht ausüben durften. In den Kirchenbüchern wurden sie sogar oft als Hurkinder bezeichnet, was deutlich zeigt, welchen Makel eine uneheliche oder voreheliche Geburt darstellte. Als der Gesetzgeber die Möglichkeit einer Legitimation der vorehelichen Kinder durch nachträgliche Heirat der Eltern schuf (legitimatio per subsequens matrimonium), bedeutet dies nicht, daß gleichzeitig bei der Bevölkerung ein Sinneswandel gegenüber den unehelichen Kindern eintrat. Vielmehr deutet der 1939 von Wilhelm erwirkte Ehelichkeitsfeststellungsbeschluß darauf hin, daß seine Geschwister (oder einige seiner Geschwister?) ihn nicht als vollwertigen Bruder ansahen und ihm wahrscheinlich einen Erbschaftsanspruch auf einen Teil des elterlichen Hofs in Sachsenhausen (die Mutter war 1933 gestorben) abstritten. Insofern sollte man Elises Aussage von dem Halbbruder vielleicht weniger als Aussage zu einem unbekannten leiblichen Vater ansehen und sich vielmehr fragen, ob es ihr aufgrund der damaligen Wertvorstellungen überhaupt möglich war, einen unehelich geborenen Bruder als vollwertigen Bruder anzusehen. Ich glaube es nicht.<br>
 
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== Weitere Informationen von Dr. Robert Söhne  ==
 
Nach ihrer Heirat am 10.3.1907 haben Wilhelm und Wilhelmine zunächst in dem Wilhelmine gehörenden Haus in Thalitter gewohnt. Von dort aus fuhr Wilhelm zur Arbeit nach Korbach, zunächst im Kornhaus, dann bei der Conti.<br>1910 verkauften sie das Haus in Thalitter und kauften das Haus im Katthagen.&nbsp;[[Image:Haus im Katthagen 7.jpg|thumb|right|260x197px|Haus im Katthagen 7.jpg]] Wilhelm machte sich nun als Klärgrubenreiniger selbständig und kaufte auch ca. 15 Morgen Land. Viehbestand 1914: 3 Kühe und ein blindes Pferd.<br>Nachdem er aus dem 1. Weltkrieg zurückkam, gab Wilhelm 1919 das Klärgrubengeschäft auf und kaufte noch ca. 40 Morgen Land am Müllers Berg.
 
Die Zukunftspläne für den Katthagen (in Form eines Testamentsentwurfs) sahen 1938 vor, daß der älteste Sohn Wilhelm das Land, die Gerätschaften und die Feldscheune bekommen sollte, um diese als Wohnung auszubauen und von dort aus die Landwirtschaft zu betreiben. Karl sollte Wohnhaus, Stall und Scheune im Katthagen bekommen. Die noch zur Schule gehenden Fritz und Walter sollten jeweils Anspruch auf ein Zimmer im Katthagen haben ( [[Abschrift eines Erbvertragentwurfs von 1938]] ). Dieser Entwurf war jedoch hinfällig, als der Sohn Wilhelm 1939 einen Hof in Heimarshausen pachtete.<br>Eine neue Erbschaftsregelung von 1953, als Wilhelm senior schon gestorben war, sah vor daß der älteste Sohn Wilhelm 12 Morgen Land und die halbe Feldscheune bekommen sollte, Karl das übrige Land und die Scheune im Katthagen, und Fritz und Walter das Haus und Gründstück im Katthagen (siehe Datei söhnelohof3.pdf). Diese Regelung scheiterte jedoch daran, daß das Bauerngericht eine Zerstückelung des Landes ablehnte (siehe Datei söhnelohof2.pdf).<br>Daraufhin wurde der Vertrag 1954 dahingehend abgeändert, daß Karl das gesamte Land bekommen und Wilhelm mit Geld abgefunden werden sollte (siehe Datei söhnelohof3.pdf).<br>Letztendlich kam es etwas anders: Walter starb früh und Fritz erhielt das gesamte Wohnhaus im Katthagen, während Karl das gesamte Land erhielt und sich in der Scheune im Katthagen eine Wohnung ausbaute.<br>Vor ein paar Jahren, ca. 2004, hat Hans Söhne, der Erbe des inzwischen verstorbenen Fritz, das Wohnhaus im Katthagen an Karls Sohn Helmut Söhne und dessen Partenerin Regine Lange verkauft.
 
Wilhelm starb am 7.7.1951 und Wilhelmine am 15.7.1961. Ihre Vorfahren sind in der Datei söhnelohof4.pdf aufgeführt.
 
(Briefabschriften in der Datei söhnelohof.doc)<br>
 
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Und nun möchte ich für den eigentlichen Lebenslauf meinem Bruder Wilhelm das Wort überlassen:
 
== Erinnerungen von Wilhelm Söhne * 1938  ==
 
Neuhäusel, den 26. September 2003
 
Die ältesten Söhnes, die ich kennen gelernt habe, waren meine Großeltern Wilhelm und Wilhelmine Söhne. Sie waren ganz sicher ungewöhnliche Menschen, deren Lebensweg und Leistung uns nachfolgenden Generationen Vorbild und Ansporn bleibt.
 
Der Korbacher Opa wurde am 26. 11. 1882 unehelich in Rhadern, dem Heimatort seiner Mutter Christiane Gerlach, geboren. Fast drei Jahre später heirateten seine Eltern, und er wuchs in Sachsenhausen als Wilhelm Söhne zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern auf. Mit 14 Jahren verließ er das Elternhaus und wurde Knecht auf einem (großen&nbsp;?) Hof in Alraft (oder Rhadern&nbsp;?). Seine jüngere unverheiratete Schwester Liese kommentierte diese Arbeit so: "Du hast sieben Jahre um Rahel gedient, aber Du hast sie nicht bekommen." Gab es auf diesem Hof eine hübsche Tochter, die ein großes Erbe zu erwarten hatte? Den Sachsenhäuser Hof bekamen jedenfalls seine drei unverheirateten Geschwister Fritz, Hermine und Liese. Auch sein Bruder Karl verließ Sachsenhausen, ging nach Thann in der Rhön und wurde der Vater von Willi und Helmut Söhne. Die Frau dieses Großonkels Karl habe ich nicht kennen gelernt, seine Söhne Willi und Helmut lebten zeitweise bei den Sachsenhäuser Tanten.
 
Unser Opa war ein bescheidener und genügsamer Mensch, fleißig, gutmütig und mit fröhlichem Gemüt.[[Image:Katthagen.jpg|thumb|right]] Seine Enkelkinder mochten ihn gern, weil er gütig und stets zu einem Scherz bereit war. Manchmal kam er sonntags mit dem Fahrrad zu uns nach Heimarshausen. Dazu mußte er 2 x mehr als 30 km für die Wege hin und wieder zurück fahren. Als ich 1948 nach Korbach kam und bei den Großeltern wohnte, um dort zur Schule zu gehen, war unser Opa ein müder alter Mann, der eigentlich seinen Ruhestand wohl verdient hatte. Seine Lebensleistung war, besonders aus der Sicht der Voraussetzungen, sehr beachtlich. Zusammen mit seiner ehrgeizigen und frommen Frau hatte er vor dem ersten Weltkrieg das Anwesen in Korbach, Katthagen 7 erworben, ein großes herrschaftliches Haus mit parkartigem Garten. Ein Teil des Gartens wurde aufgefüllt zu einem großen Hofraum und ein Stall mit einer Scheune neu gebaut. Ackerland wurde gekauft und gepachtet und es gibt Berichte von mancherlei Arbeit die unser Opa für die Korbacher verrichtet hat. Aus unserer heutigen Sicht war das Anwesen eigentlich viel zu groß für die jungen Leute, die diese Aufgabe mit frischem Mut und Gottvertrauen in Angriff nahmen. Erschwerend kamen Krieg und Inflation und andere Wechselfälle des Lebens hinzu. Von den fünf Söhnen ist einer gestorben, die anderen bekamen Ausbildungen und Starthilfen. Er selbst bekam den Tabak für seine Pfeife.
 
Die Korbacher Oma[[Image:Katthagen2.jpg|thumb|right|Katthagen2.jpg]] wurde von uns Kindern nicht so sehr geliebt. Sie war deutlich größer und schwerer als ihr Mann und 2 Jahre älter (23. April 1880 geboren). Als ich 1948 mit meinen 10 Jahren nach Korbach kam, wurde ich von ihr wie ein Nachkömmling zu ihren erwachsenen Söhnen angenommen. Dabei fiel ihr diese Aufgabe sichtlich schwer. Sie bewegte sich nur noch im Erdgeschoß ihres großen Hauses, vermied es in den Keller zu gehen und unternahm schon gar keinen Versuch, die langen und schönen Treppen nach oben zu steigen. Ich erinnere mich auch nicht mehr daran, daß sie mal in ihrem Garten oder im Hof gewesen wäre, und in die Stadt ging sie auch nicht. Sie klagte - selten - über Wasser in den Beinen und über Atemnot. Trotzdem führte sie ihren Haushalt und war das Herz der Familie. Die Familie, das war sie selbst, ihr Mann, Onkel Walter (ihr jüngster Sohn) und ich. Dann gab es manchmal noch einen zahlenden Sommergast, der dann im obersten Stockwerk wohnte und mit zum Tisch kam. Onkel Fritz war mit Tante Evelore verheiratet und wohnte mit Sohn Hans im 1. und 2. Stock. Onkel Karl mit Tante Hermine und deren Kinder lebten in der Wohnung, die diese sich auf der anderen Seite des Hofes gebaut hatten. Meine Eltern waren schon lange aus Katthagen 7 ausgezogen und hatten die lockerste Verbindung zur Korbacher Oma. Für alle war sie aber immer die zentrale Person.
 
In Heimarshausen, von wo ich nach Korbach kam, war ich selbstverständlich und mühelos ein guter Schüler. Die Oma und meine Eltern hatten aber beschlossen, daß ich in Korbach zur Schule gehen sollte. Für die Oma war es selbstverständlich, daß ich Nachhilfe-Unterricht bekommen mußte, um den Anschluß in der Schule und die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium zu schaffen. Ich hatte mich unterzuordnen und dem Plan zu folgen und mußte bald erkennen, daß die Oma Recht hatte. An den Wochenenden und bei jeder sich bietenden Gelegenheit flüchtete ich nach Hause. Nach Heimarshausen hatte ich 1 Stunde Bahnfahrt und dann einen Fußweg von 5/4 Stunden durch den Wald. Als Vaters Familie nach Affoldern ging, kam ich gerne wieder mit heim. Der Weg dauerte nur etwas über eine Stunde und konnte so zweimal täglich gefahren werden.
 
Die Oma war sehr streng gläubig, ehrgeizig und hatte eiserne Prinzipien. Nur so konnte sie auch lebenslang ihre beachtlichen Leistungen erbringen. Ihre Schulbildung war wohl sehr gering, gemessen an ihren Kindern. Mit ihrem Mann sprach sie in Waldecker Mundart, mit meinem Vater manchmal auch, mit ihren jüngeren Söhnen, Schwiegertöchtern, Enkelkindern und Fremden nur Hochdeutsch. Fremdworte kannte sie nur phonetisch und sprach diese daher meistens falsch aus. Dennoch war sie die stets anerkannte höchste Autorität, die zwar nicht alle liebten, der alle folgten - manchmal heimlich auch nicht - der aber niemand widersprach.
 
Ihre Lektüre war die Bibel und bei der Küchenarbeit sang sie Kirchenlieder. Ich glaube, daß sie sich stets von ganzer Kraft bemüht hat, ein christliches und Gott gefälliges Leben zu führen. Dennoch wurde sie oft kritisiert und von niemand gelobt. Ihre beiden Söhne Wilhelm und Karl mußten sehr früh Geld verdienen und hatten entsprechend wenig Zeit für die Schule. Ganz anders dagegen mußten Onkel Fritz, Onkel Walter und ich zur Höheren Schule gehen und studiert haben wir ja auch. Onkel Fritz und Onkel Walter waren untereinander eifersüchtig. Jeder glaubte von der Mutter weniger bekommen zu haben als der andere. Meine, nicht ganz so bibelfeste, aber auf ihre eigene weise fromme Mutter, verdeutlichte mir mühelos, daß die beiden älteren Söhne Wilhelm und Karl mit ihrer einfachen Ausbildung sehr viel weniger erhalten haben, als die Herren Studiosi, aber deswegen niemals unzufrieden oder neidisch waren. Die älteren Söhne hatten wohl erkannt, daß ihre Mutter nicht all das Gute tun konnte, das sie eigentlich immer wollte.
 
Meine Mutter hat beanstandet, daß es im Hause Katthagen 7 keine geregelten Tischzeiten gab. Jeder kam und ging, wie es für ihn allein am besten war. Die Oma hatte tatsächlich immer etwas zum Essen bereit. Arbeit und Schule hatten für sie Vorrang. Schonung für die Oma gab es nie, obwohl sie nach heutigen Maßstäben arbeitsunfähig krank war. Die häusliche Atmosphäre bei meinen Eltern empfand ich als 100 x besser.
 
Die Korbacher Oma war gewiß bestimmend für den Lebensweg sowohl ihrer Söhne, als auch für mich. Noch heute lese ich regelmäßig in der Bibel, dusche täglich - auch wenn es nur kaltes Wasser gibt, wie damals im Katthagen und die Schulausbildung war die Voraussetzung für Studium und Beruf. Ich habe sie nie besonders gern gemocht, aber Anerkennung und Respekt hat sie bei mir sehr bald erfahren.
 
(Wilhelm Söhne, geb. 16.7.1938)<br>
 
== <br>Anekdoten erzählt von Friedrich Söhne * 1919<br>  ==
 
Fritz Söhne, Wilhelm und Wilhelmines drittältester Sohn, hat ein paar Anekdoten aus seiner Jugend erzählt (siehe Dateien fritz1.pdf und fritz2.pdf). Hier die Passagen, die sich auf seine Eltern beziehen:
 
"Mein Vater war ein fleißiger Mann. Aber am Sonntag nachmittag ging er immer ins Kino. Dieses Vergnügen gönnte er sich, meine Mutter war eine strenge und fromme Frau, und sie war strikt dagegen, daß mein Vater ins Kino ging. Aber es half nichts, er ließ sich diese Freude nicht nehmen. Mein Vater hatte außerdem noch ein zweites Laster: Er spielte. Jede Woche hat er für ein paar Mark ein Los gekauft. Wenn er einmal einen kleinen Gewinn erzielte, versteckte er das Geld. Manchmal war es soviel, daß er damit für eine Weile den Tabak bezahlen konnte. Als er gestorben war, kam ein Kranz von der Lotterie in Hamburg und ein zweiter von der Korbacher Kinobesitzerin, von Löwensteins Milchen. Da hat unsere Mutter aber schwer geschluckt."
 
"Meine Eltern betrieben im Katthagen 7 eine Landwirtschaft. Den Vater kannten die Leute nur mit seiner Mutzpfeife im Mund. "Der melkt unter Dampf", sagten sie - und als er 1927 von Albert Tent noch den Kohlenhandel übernahm wurde sogar behauptet: "Der Söhne raucht seinen Kohlengrutz!"
 
"... an der Ecke Dalwigker Straße/Katthagen (stand) das Haus unseres alten Nachbarn Wilhelm Ockel, der in meiner Kinder- und Jugendzeit dort seine "Erste waldeckische Roßschlachterei" betrieb. "Lecko", wie er genannt wurde, besaß neben seinem Hund, einem großen gelben Kläffer, den er gelegentlich mit der Peitsche jagte, auch eine uralte Gans als Hausgenossin. Diese machte tagsüber Ausflüge in die nähere Umgebung und sah zu, wo sie etwas zu fressen fand. Abends kam der alte Ockel aus dem Haus, rief: "Wulle, wulle!", und die Gans folgte ihm in die heimischen Gemächer. Eines Tages war das Federvieh verschwunden und "Lecko" lockte lange vergeblich - er suchte und rief die Dalwigker Straße und den Katthagen rauf und runter, bis er endlich ein klägliches Quaken aus unserem Dickwurzelkeller vernahm, in den das Tier bei der Futtersuche hineingefallen war. Wutschnaubend beschuldigte der Besitzer des Schwimmvogels meinen Vater, er habe das Tier eingefangen um es zu schlachten. Vater entgegnete nur: "Deine Gans, die ist doch schon dreimal konfirmiert worden; das zähe Luder kannst Du alleine fressen!"<br>


Somit weisen alle mir bisher bekannten Akten darauf hin, daß Wilhelm nicht nur der rechtliche, sondern auch der leibliche Sohn des Sachsenhäuser Wilhelm Söhne war. Dagegen spricht nur die Aussage seiner Schwester Elise, die ihn als Halbbruder bezeichnet hatte. Vielleicht läßt sich dieser Widerspruch dadurch erklären, daß unehelich geborene Kinder bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur aus der Erbfolge ausgeschlossen waren, sondern auch der Anrüchigkeit unterlagen und bestimmte Berufe (z.B. Priester oder Handwerker) nicht ausüben durften. In den Kirchenbüchern wurden sie sogar oft als Hurkinder bezeichnet, was deutlich zeigt, welchen Makel eine uneheliche oder voreheliche Geburt darstellte. Als der Gesetzgeber die Möglichkeit einer Legitimation der vorehelichen Kinder durch nachträgliche Heirat der Eltern schuf (legitimatio per subsequens matrimonium), bedeutet dies nicht, daß gleichzeitig bei der Bevölkerung ein Sinneswandel gegenüber den unehelichen Kindern eintrat. Vielmehr deutet der 1939 von Wilhelm erwirkte Ehelichkeitsfeststellungsbeschluß darauf hin, daß seine Geschwister (oder einige seiner Geschwister?) ihn nicht als vollwertigen Bruder ansahen und ihm wahrscheinlich einen Erbschaftsanspruch auf einen Teil des elterlichen Hofs in Sachsenhausen (die Mutter war 1933 gestorben) abstritten. Insofern sollte man Elises Aussage von dem Halbbruder vielleicht weniger als Aussage zu einem unbekannten leiblichen Vater ansehen und sich vielmehr fragen, ob es ihr aufgrund der damaligen Wertvorstellungen überhaupt möglich war, einen unehelich geborenen Bruder als vollwertigen Bruder anzusehen. Ich glaube es nicht.<br><br>
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Aktuelle Version vom 8. Mai 2011, 21:46 Uhr

 Wilhelm Söhne und Wilhelmine geb. Lohof 

Söhnelohof.jpg

Friedrich Wilhelm Söhne wurde am 26.11.1882 in Rhadern geboren und am 26.12.1882 getauft. Er war ein Sohn des Wilhelm Söhne und der Christiane geb. Gerlach (Nr. 126).






Wer ist der Vater von Wilhem Söhne * 1882 ? Seine rechtliche & gesellschaftliche Stellung

Da er unehelich geboren wurde und seine Schwester Elise gesagt hatte, er sei ihr der liebste Bruder, aber eben nur ein Halbbruder gewesen, müßte man eigentlich davon ausgehen, daß sein Vater Wilhelm Söhne (1853-1926) aus Sachsenhausen, der die Mutter Christiane Gerlach 3 Jahre später geheiratet hatte, nur der rechtliche, nicht aber der leibliche Vater war. Da niemand mehr lebt, den man zu diesem Thema befragen könnte, habe ich versucht, weitere Informationen in den verfügbaren Akten zu finden:

In der Taufeintragung in den Kirchenbüchern von Rhadern wird als Mutter Christiane Gerlach genannt, die Spalte für den Namen des Vaters ist leer. Als Paten werden aufgeführt: 1. Wilhelm Gerlach, 2. Ehefrau Wilhelmine Gerlach und 3. Friedrich Söhne II aus Sachsenhausen. Dies ist für mich ein erstes Indiz für eine Vaterschaft des Wilhelm Söhne (1853-1926), denn der Friedrich Söhne II (1845-1909) aus Sachsenhausen wäre wohl kaum Pate in Rhadern geworden, wenn nicht schon bei der Geburt des unehelichen Kindes ein Verwandter als Vater gegolten hätte.

In der standesamtlichen Geburtsurkunde wird ebenfalls nur die Mutter genannt und Angaben zum Vater fehlen. Aber auch fehlende Angaben können etwas aussagen: der unter dem Namen Gerlach geborene uneheliche Sohn Wilhelm lebte ab der Heirat des Wilhelm Söhne und der Christiane Gerlach unter dem Namen Söhne und galt fortan aus rechtlicher Sicht als ehelicher Sohn. Aber wenn ein anderer als der Wilhelm Söhne sein leiblicher Vater gewesen wäre, hätte eine Namensänderung nur durch Annahme an Kindes Statt erfolgen können und als Randeintragung auf der Geburtsurkunde vermerkt werden müssen. Dies ist jedoch nicht erfolgt und stellt für mich ein weiteres Indiz dar, daß der Sachsenhäuser Wilhelm Söhne auch als leiblicher Vater gegolten hat.

Schließlich gibt es noch einen Ehelichkeitsfeststellungsbeschluß, den Wilhelm am 9. Juni 1939 bei dem Amtsgericht Korbach erwirkte. Auch darin wird der Sachsenhäuser Wilhelm als Vater genannt (siehe Datei söhnelohof1.jpg) und es gibt keinerlei Hinweise auf einen möglichen anderen Erzeuger.

Somit weisen alle mir bisher bekannten Akten darauf hin, daß Wilhelm nicht nur der rechtliche, sondern auch der leibliche Sohn des Sachsenhäuser Wilhelm Söhne war. Dagegen spricht nur die Aussage seiner Schwester Elise, die ihn als Halbbruder bezeichnet hatte. Vielleicht läßt sich dieser Widerspruch dadurch erklären, daß unehelich geborene Kinder bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur aus der Erbfolge ausgeschlossen waren, sondern auch der Anrüchigkeit unterlagen und bestimmte Berufe (z.B. Priester oder Handwerker) nicht ausüben durften. In den Kirchenbüchern wurden sie sogar oft als Hurkinder bezeichnet, was deutlich zeigt, welchen Makel eine uneheliche oder voreheliche Geburt darstellte. Als der Gesetzgeber die Möglichkeit einer Legitimation der vorehelichen Kinder durch nachträgliche Heirat der Eltern schuf (legitimatio per subsequens matrimonium), bedeutet dies nicht, daß gleichzeitig bei der Bevölkerung ein Sinneswandel gegenüber den unehelichen Kindern eintrat. Vielmehr deutet der 1939 von Wilhelm erwirkte Ehelichkeitsfeststellungsbeschluß darauf hin, daß seine Geschwister (oder einige seiner Geschwister?) ihn nicht als vollwertigen Bruder ansahen und ihm wahrscheinlich einen Erbschaftsanspruch auf einen Teil des elterlichen Hofs in Sachsenhausen (die Mutter war 1933 gestorben) abstritten. Insofern sollte man Elises Aussage von dem Halbbruder vielleicht weniger als Aussage zu einem unbekannten leiblichen Vater ansehen und sich vielmehr fragen, ob es ihr aufgrund der damaligen Wertvorstellungen überhaupt möglich war, einen unehelich geborenen Bruder als vollwertigen Bruder anzusehen. Ich glaube es nicht.


Weitere Informationen von Dr. Robert Söhne

Nach ihrer Heirat am 10.3.1907 haben Wilhelm und Wilhelmine zunächst in dem Wilhelmine gehörenden Haus in Thalitter gewohnt. Von dort aus fuhr Wilhelm zur Arbeit nach Korbach, zunächst im Kornhaus, dann bei der Conti.
1910 verkauften sie das Haus in Thalitter und kauften das Haus im Katthagen. 

Haus im Katthagen 7.jpg

Wilhelm machte sich nun als Klärgrubenreiniger selbständig und kaufte auch ca. 15 Morgen Land. Viehbestand 1914: 3 Kühe und ein blindes Pferd.
Nachdem er aus dem 1. Weltkrieg zurückkam, gab Wilhelm 1919 das Klärgrubengeschäft auf und kaufte noch ca. 40 Morgen Land am Müllers Berg.

Die Zukunftspläne für den Katthagen (in Form eines Testamentsentwurfs) sahen 1938 vor, daß der älteste Sohn Wilhelm das Land, die Gerätschaften und die Feldscheune bekommen sollte, um diese als Wohnung auszubauen und von dort aus die Landwirtschaft zu betreiben. Karl sollte Wohnhaus, Stall und Scheune im Katthagen bekommen. Die noch zur Schule gehenden Fritz und Walter sollten jeweils Anspruch auf ein Zimmer im Katthagen haben ( Abschrift eines Erbvertragentwurfs von 1938 ). Dieser Entwurf war jedoch hinfällig, als der Sohn Wilhelm 1939 einen Hof in Heimarshausen pachtete.
Eine neue Erbschaftsregelung von 1953, als Wilhelm senior schon gestorben war, sah vor daß der älteste Sohn Wilhelm 12 Morgen Land und die halbe Feldscheune bekommen sollte, Karl das übrige Land und die Scheune im Katthagen, und Fritz und Walter das Haus und Gründstück im Katthagen (siehe Datei söhnelohof3.pdf). Diese Regelung scheiterte jedoch daran, daß das Bauerngericht eine Zerstückelung des Landes ablehnte (siehe Datei söhnelohof2.pdf).
Daraufhin wurde der Vertrag 1954 dahingehend abgeändert, daß Karl das gesamte Land bekommen und Wilhelm mit Geld abgefunden werden sollte (siehe Datei söhnelohof3.pdf).
Letztendlich kam es etwas anders: Walter starb früh und Fritz erhielt das gesamte Wohnhaus im Katthagen, während Karl das gesamte Land erhielt und sich in der Scheune im Katthagen eine Wohnung ausbaute.
Vor ein paar Jahren, ca. 2004, hat Hans Söhne, der Erbe des inzwischen verstorbenen Fritz, das Wohnhaus im Katthagen an Karls Sohn Helmut Söhne und dessen Partenerin Regine Lange verkauft.

Wilhelm starb am 7.7.1951 und Wilhelmine am 15.7.1961. Ihre Vorfahren sind in der Datei söhnelohof4.pdf aufgeführt.

(Briefabschriften in der Datei söhnelohof.doc)


Und nun möchte ich für den eigentlichen Lebenslauf meinem Bruder Wilhelm das Wort überlassen:

Erinnerungen von Wilhelm Söhne * 1938

Neuhäusel, den 26. September 2003

Die ältesten Söhnes, die ich kennen gelernt habe, waren meine Großeltern Wilhelm und Wilhelmine Söhne. Sie waren ganz sicher ungewöhnliche Menschen, deren Lebensweg und Leistung uns nachfolgenden Generationen Vorbild und Ansporn bleibt.

Der Korbacher Opa wurde am 26. 11. 1882 unehelich in Rhadern, dem Heimatort seiner Mutter Christiane Gerlach, geboren. Fast drei Jahre später heirateten seine Eltern, und er wuchs in Sachsenhausen als Wilhelm Söhne zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern auf. Mit 14 Jahren verließ er das Elternhaus und wurde Knecht auf einem (großen ?) Hof in Alraft (oder Rhadern ?). Seine jüngere unverheiratete Schwester Liese kommentierte diese Arbeit so: "Du hast sieben Jahre um Rahel gedient, aber Du hast sie nicht bekommen." Gab es auf diesem Hof eine hübsche Tochter, die ein großes Erbe zu erwarten hatte? Den Sachsenhäuser Hof bekamen jedenfalls seine drei unverheirateten Geschwister Fritz, Hermine und Liese. Auch sein Bruder Karl verließ Sachsenhausen, ging nach Thann in der Rhön und wurde der Vater von Willi und Helmut Söhne. Die Frau dieses Großonkels Karl habe ich nicht kennen gelernt, seine Söhne Willi und Helmut lebten zeitweise bei den Sachsenhäuser Tanten.

Unser Opa war ein bescheidener und genügsamer Mensch, fleißig, gutmütig und mit fröhlichem Gemüt.

Seine Enkelkinder mochten ihn gern, weil er gütig und stets zu einem Scherz bereit war. Manchmal kam er sonntags mit dem Fahrrad zu uns nach Heimarshausen. Dazu mußte er 2 x mehr als 30 km für die Wege hin und wieder zurück fahren. Als ich 1948 nach Korbach kam und bei den Großeltern wohnte, um dort zur Schule zu gehen, war unser Opa ein müder alter Mann, der eigentlich seinen Ruhestand wohl verdient hatte. Seine Lebensleistung war, besonders aus der Sicht der Voraussetzungen, sehr beachtlich. Zusammen mit seiner ehrgeizigen und frommen Frau hatte er vor dem ersten Weltkrieg das Anwesen in Korbach, Katthagen 7 erworben, ein großes herrschaftliches Haus mit parkartigem Garten. Ein Teil des Gartens wurde aufgefüllt zu einem großen Hofraum und ein Stall mit einer Scheune neu gebaut. Ackerland wurde gekauft und gepachtet und es gibt Berichte von mancherlei Arbeit die unser Opa für die Korbacher verrichtet hat. Aus unserer heutigen Sicht war das Anwesen eigentlich viel zu groß für die jungen Leute, die diese Aufgabe mit frischem Mut und Gottvertrauen in Angriff nahmen. Erschwerend kamen Krieg und Inflation und andere Wechselfälle des Lebens hinzu. Von den fünf Söhnen ist einer gestorben, die anderen bekamen Ausbildungen und Starthilfen. Er selbst bekam den Tabak für seine Pfeife. Die Korbacher Oma

Katthagen2.jpg

wurde von uns Kindern nicht so sehr geliebt. Sie war deutlich größer und schwerer als ihr Mann und 2 Jahre älter (23. April 1880 geboren). Als ich 1948 mit meinen 10 Jahren nach Korbach kam, wurde ich von ihr wie ein Nachkömmling zu ihren erwachsenen Söhnen angenommen. Dabei fiel ihr diese Aufgabe sichtlich schwer. Sie bewegte sich nur noch im Erdgeschoß ihres großen Hauses, vermied es in den Keller zu gehen und unternahm schon gar keinen Versuch, die langen und schönen Treppen nach oben zu steigen. Ich erinnere mich auch nicht mehr daran, daß sie mal in ihrem Garten oder im Hof gewesen wäre, und in die Stadt ging sie auch nicht. Sie klagte - selten - über Wasser in den Beinen und über Atemnot. Trotzdem führte sie ihren Haushalt und war das Herz der Familie. Die Familie, das war sie selbst, ihr Mann, Onkel Walter (ihr jüngster Sohn) und ich. Dann gab es manchmal noch einen zahlenden Sommergast, der dann im obersten Stockwerk wohnte und mit zum Tisch kam. Onkel Fritz war mit Tante Evelore verheiratet und wohnte mit Sohn Hans im 1. und 2. Stock. Onkel Karl mit Tante Hermine und deren Kinder lebten in der Wohnung, die diese sich auf der anderen Seite des Hofes gebaut hatten. Meine Eltern waren schon lange aus Katthagen 7 ausgezogen und hatten die lockerste Verbindung zur Korbacher Oma. Für alle war sie aber immer die zentrale Person.

In Heimarshausen, von wo ich nach Korbach kam, war ich selbstverständlich und mühelos ein guter Schüler. Die Oma und meine Eltern hatten aber beschlossen, daß ich in Korbach zur Schule gehen sollte. Für die Oma war es selbstverständlich, daß ich Nachhilfe-Unterricht bekommen mußte, um den Anschluß in der Schule und die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium zu schaffen. Ich hatte mich unterzuordnen und dem Plan zu folgen und mußte bald erkennen, daß die Oma Recht hatte. An den Wochenenden und bei jeder sich bietenden Gelegenheit flüchtete ich nach Hause. Nach Heimarshausen hatte ich 1 Stunde Bahnfahrt und dann einen Fußweg von 5/4 Stunden durch den Wald. Als Vaters Familie nach Affoldern ging, kam ich gerne wieder mit heim. Der Weg dauerte nur etwas über eine Stunde und konnte so zweimal täglich gefahren werden.

Die Oma war sehr streng gläubig, ehrgeizig und hatte eiserne Prinzipien. Nur so konnte sie auch lebenslang ihre beachtlichen Leistungen erbringen. Ihre Schulbildung war wohl sehr gering, gemessen an ihren Kindern. Mit ihrem Mann sprach sie in Waldecker Mundart, mit meinem Vater manchmal auch, mit ihren jüngeren Söhnen, Schwiegertöchtern, Enkelkindern und Fremden nur Hochdeutsch. Fremdworte kannte sie nur phonetisch und sprach diese daher meistens falsch aus. Dennoch war sie die stets anerkannte höchste Autorität, die zwar nicht alle liebten, der alle folgten - manchmal heimlich auch nicht - der aber niemand widersprach.

Ihre Lektüre war die Bibel und bei der Küchenarbeit sang sie Kirchenlieder. Ich glaube, daß sie sich stets von ganzer Kraft bemüht hat, ein christliches und Gott gefälliges Leben zu führen. Dennoch wurde sie oft kritisiert und von niemand gelobt. Ihre beiden Söhne Wilhelm und Karl mußten sehr früh Geld verdienen und hatten entsprechend wenig Zeit für die Schule. Ganz anders dagegen mußten Onkel Fritz, Onkel Walter und ich zur Höheren Schule gehen und studiert haben wir ja auch. Onkel Fritz und Onkel Walter waren untereinander eifersüchtig. Jeder glaubte von der Mutter weniger bekommen zu haben als der andere. Meine, nicht ganz so bibelfeste, aber auf ihre eigene weise fromme Mutter, verdeutlichte mir mühelos, daß die beiden älteren Söhne Wilhelm und Karl mit ihrer einfachen Ausbildung sehr viel weniger erhalten haben, als die Herren Studiosi, aber deswegen niemals unzufrieden oder neidisch waren. Die älteren Söhne hatten wohl erkannt, daß ihre Mutter nicht all das Gute tun konnte, das sie eigentlich immer wollte.

Meine Mutter hat beanstandet, daß es im Hause Katthagen 7 keine geregelten Tischzeiten gab. Jeder kam und ging, wie es für ihn allein am besten war. Die Oma hatte tatsächlich immer etwas zum Essen bereit. Arbeit und Schule hatten für sie Vorrang. Schonung für die Oma gab es nie, obwohl sie nach heutigen Maßstäben arbeitsunfähig krank war. Die häusliche Atmosphäre bei meinen Eltern empfand ich als 100 x besser.

Die Korbacher Oma war gewiß bestimmend für den Lebensweg sowohl ihrer Söhne, als auch für mich. Noch heute lese ich regelmäßig in der Bibel, dusche täglich - auch wenn es nur kaltes Wasser gibt, wie damals im Katthagen und die Schulausbildung war die Voraussetzung für Studium und Beruf. Ich habe sie nie besonders gern gemocht, aber Anerkennung und Respekt hat sie bei mir sehr bald erfahren.

(Wilhelm Söhne, geb. 16.7.1938)


Anekdoten erzählt von Friedrich Söhne * 1919

Fritz Söhne, Wilhelm und Wilhelmines drittältester Sohn, hat ein paar Anekdoten aus seiner Jugend erzählt (siehe Dateien fritz1.pdf und fritz2.pdf). Hier die Passagen, die sich auf seine Eltern beziehen:

"Mein Vater war ein fleißiger Mann. Aber am Sonntag nachmittag ging er immer ins Kino. Dieses Vergnügen gönnte er sich, meine Mutter war eine strenge und fromme Frau, und sie war strikt dagegen, daß mein Vater ins Kino ging. Aber es half nichts, er ließ sich diese Freude nicht nehmen. Mein Vater hatte außerdem noch ein zweites Laster: Er spielte. Jede Woche hat er für ein paar Mark ein Los gekauft. Wenn er einmal einen kleinen Gewinn erzielte, versteckte er das Geld. Manchmal war es soviel, daß er damit für eine Weile den Tabak bezahlen konnte. Als er gestorben war, kam ein Kranz von der Lotterie in Hamburg und ein zweiter von der Korbacher Kinobesitzerin, von Löwensteins Milchen. Da hat unsere Mutter aber schwer geschluckt."

"Meine Eltern betrieben im Katthagen 7 eine Landwirtschaft. Den Vater kannten die Leute nur mit seiner Mutzpfeife im Mund. "Der melkt unter Dampf", sagten sie - und als er 1927 von Albert Tent noch den Kohlenhandel übernahm wurde sogar behauptet: "Der Söhne raucht seinen Kohlengrutz!"

"... an der Ecke Dalwigker Straße/Katthagen (stand) das Haus unseres alten Nachbarn Wilhelm Ockel, der in meiner Kinder- und Jugendzeit dort seine "Erste waldeckische Roßschlachterei" betrieb. "Lecko", wie er genannt wurde, besaß neben seinem Hund, einem großen gelben Kläffer, den er gelegentlich mit der Peitsche jagte, auch eine uralte Gans als Hausgenossin. Diese machte tagsüber Ausflüge in die nähere Umgebung und sah zu, wo sie etwas zu fressen fand. Abends kam der alte Ockel aus dem Haus, rief: "Wulle, wulle!", und die Gans folgte ihm in die heimischen Gemächer. Eines Tages war das Federvieh verschwunden und "Lecko" lockte lange vergeblich - er suchte und rief die Dalwigker Straße und den Katthagen rauf und runter, bis er endlich ein klägliches Quaken aus unserem Dickwurzelkeller vernahm, in den das Tier bei der Futtersuche hineingefallen war. Wutschnaubend beschuldigte der Besitzer des Schwimmvogels meinen Vater, er habe das Tier eingefangen um es zu schlachten. Vater entgegnete nur: "Deine Gans, die ist doch schon dreimal konfirmiert worden; das zähe Luder kannst Du alleine fressen!"