Mein Vater Wilhelm Söhne wurde am 1.5.1908 in Thal-Itter geboren und ist ein Sohn des Wilhelm Söhne und der Wilhelmine geb. Lohof (Nr. 166) (Stammbaum siehe Datei wilhelmelse.doc, Blatt B1 bis B6).
Nach den Vorstellungen seiner Eltern hätten er und sein Bruder Karl den Hof im Katthagen 7 in Korbach weiterführen sollen. Er war jedoch der Meinung, daß der kleine Hof keine zwei Familien ernähren konnte. Darum übernahm er 1927 von Albert Tent einen Kohlenhandel, den später sein Vater Wilhelm Söhne, und nach diesem sein Bruder Karl weiterführte.
Heirat
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Am 12.3.1938 heiratete er in Bad Homburg meine Mutter Emma Else Gerlach (vgl. Datei wilhelmelse1.pdf). Diese wurde am 5.11.1911 in Römerhof im Kreis Euskirchen geboren, wo ihr Vater Robert Gerlach Gestütwärter auf dem Nonnenhof war. Ihre Mutter war Emma geb. Körtge. (Stammbaum siehe Datei wilhelmelse.doc)
Später wohnte sie auf dem Gestüt Erlenhof in Bad Homburg vor der Höhe, weil ihr Vater dort eine neue Arbeitstelle gefunden hatte.
Ihre Schulzeit an der Volkshauptschule absolvierte sie aufgrund hervorragender Noten in nur 7 Jahren (1. Mai 1918 bis 2. April 1925). Unmittelbar darauf folgte die Volksfortbildungsschule vom 1. Mai 1925 bis 19. März 1928, auch hier wieder mit besten Zeugnisnoten.
Danach folgte ein zweimonatiger Koch- und Hauswirtschaftskurs (19. März bis 19. Mai 1928).
Anschließend war sie 3 Jahre Haustochter (8.10.1928 - 24.10.1931) bei der Familie Kobalsky in Ludwigshafen am Rhein.
Vom 1.6.1936 bis 1.11.1937 war sie Haustochter bei Schwalenstöckers in Korbach (Schul- und Arbeitszeugnisse siehe Datei else.pdf). Da das Schwalenstöckersche Haus ebenfalls im Katthagen liegt, werden sich meine Eltern wohl dort kennen gelernt haben.
Der Hof in Heimarshausen
Ein Jahr nach der Hochzeit verließen meine Eltern den Katthagen und pachteten von Adam Heerdt einen Hof in Heimarshausen, den sie vom 1.5.1939 bis 1.5.1951 bewirtschafteten. Die Eltern meiner Mutter, Robert und Emma Gerlach, zogen zu ihnen und halfen ihnen bei der Arbeit, was von unschätzbarem Wert war, denn mein Vater war wegen des 2. Weltkrieges und der anschließenden Kriegsgefangenschaft lange abwesend.
Wilhelm Söhne während der Kriegszeit
Ob er bereits 1939 oder erst später von der Wehrmacht eingezogen wurde, ist mir nicht bekannt, denn er hat nie viel vom Krieg gesprochen. Ich weiß nur, daß er in der Normandie war und zu den wenigen Soldaten gehörte, die die Landung der Alliierten überlebt haben und am 9.6.1944 in amerikanische Kriegsgefangenschaft kamen (vgl. Datei tagebuch.doc). Aus der Zeit der Gefangenschaft sind zahlreiche Briefe meiner Eltern erhalten, die sich zum Teil in meinem Besitz, und zum Teil im Besitz von Wilhelm-Kai befinden. Nicht alle dieser Briefe haben den Empfänger erreicht. So sind alle Briefe meiner Mutter, die in der Datei briefeelse1.pdf enthalten sind, mit dem Vermerk "Return to sender" zurückgeschickt worden. Einige Briefe meines Vaters tragen den Stempel "censored" (zensiert), wurden also auch nicht zugestellt. Andere seiner Briefe waren bis zum einem Jahr unterwegs. Wegen der Zensur enthalten diese Briefe fast keine konkreten Angaben, aber ein paar Daten kann man ihnen dennoch entnehmen: Nach der Gefangennahme kam mein Vater zunächst in ein Durchgangslager in England. Von dort erfolgte die Überfahrt von Glasgow nach New York (3.7.44 bis 10.7.44). Dann ging es am 13.7.44 in das Gefangenenlager Camp Fort Custer, PO Box 20, New York. Die New Yorker Adresse war jedoch nur eine Briefkastenanschrift. Das Camp Custer in befand sich in Michigan. Ab dem 13.3.1945 wird in den Briefen meines Vaters als Adresse das Camp Ellis mit der gleichen New Yorker Postfachanschrift angegeben. Aus Briefen seines Bruders Karl geht jedoch hervor, daß sich das Camp Ellis in Illinois befand. Ab dem 25.10.1945 war mein Vater im Camp Grant, Illinois, und schließlich ab dem 7.5.1946 wieder in Fort Custer, Michigan. Der letzte Brief meines Vaters aus der Gefangenschaft ist vom 7.7.1946 und besagt, daß er am 6.7.1946 in Frankreich eingetroffen ist (siehe Datei briefewilhelm.pdf). Wenig später wurde er entlassen und konnte nach Deutschland zurückkehren (sein Entlassungsschein trägt einen Stempel des Nürnberger Hauptbahnhofs vom 2. Aug. 1946).
Else Söhne geb. Gerlach während der Kriegszeit
Bis dahin mußte meine Mutter den Hof mit Hilfe ihres Vaters bewirtschaften, was durch das Vorhandensein der beiden ersten Kinder sicher nicht einfacher wurde. Fotos aus dieser Zeit zeigen, daß zumindest am Anfang des Krieges genügend Hilfskräfte für die Feldarbeit vorhanden waren.
Heimarshausen 1941, ganz rechts Else.jpg
Aber bei den meisten Feldarbeiten war meine Mutter dabei und hat auch typische Männerarbeiten wie z.B. Pflügen mit dem Bulldog erledigt (vgl. Datei briefeelse2.pdf). Den Trecker hatte mein Vater wahrscheinlich 1939 auf Kredit gekauft, als er den Hof in Heimarshausen gepachtet hat (in einem Brief vom
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5.11.1944 erwähnt meine Mutter, daß der Bulldog in Kürze abbezahlt sein würde). Dieser Lanz Bulldog ließ sich eigentlich ganz gut fahren, aber das Anlassen war eine Wissenschaft für sich. Zunächst mußte dessen Glühkopf mit einer Art Flammenwerfer ca. 10 Minuten lang angeheizt werde, bis er weiß glühte. Danach löste man das Lenkrad, steckte es seitlich in den Trecker und warf den Motor an, indem man das Lenkrad mit Schwung eine halbe Umdrehung drehte (um eine Kompression im Motor zu erzeugen) und dann los ließ. Dann sprang der Motor an. Anschließend steckte man das Lenkrad wieder in die Lenksäule und konnte fahren. Es konnte allerdings passieren (und tat es auch), daß der Motor falsch herum ansprang, also rückwärts lief und der Trecker im Vorwärtsgang rückwärts, und im Rückwärtsgang vorwärts fuhr. Ein französischer Kriegsgefangener, der dem Hof in Heimarshausen zugeteilt worden war, soll einmal einen ganzen Tag im Rückwärtsgang geackert haben, weil es ihm einfach nicht gelang, den Bulldog richtig herum anzulassen.
Das Haus im Flandernweg
1950 baute mein Vater ein Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung im Flandernweg 28 in Korbach. Das obere Stockwerk wurde mit Ausnahme eines kleinen, nach Südosten gelegenen Zimmers an den Diplomlandwirt Adam List vermietet, der dort mit seiner Familie einzog. Für den Ausbau des Hauses hatte Herr List meinem Vater ein Darlehen von 5.000 Mark gegeben. Dadurch konnte er solange mietfrei im Flandernweg wohnen, bis das Darlehen durch die monatliche Grundmiete von 60 DM getilgt war.
Im Erdgeschoß wohnten meine Großmutter Emma Gerlach und mein Bruder Wilhelm, der zu dieser Zeit in Korbach aufs Gymnasium ging. Auch mein Cousin Hans wohnte dort für eine kurze Zeit. Mein Großvater Robert Gerlach dagegen blieb bei meinen Eltern in Heimarshausen und später in Affoldern, um auf dem Hof mitzuarbeiten. Dieses Haus wurde 1961, als wir bereits nach Frankreich ausgewandert waren, an Frau Ruth Günther geb. Spatzker verkauft (vgl. Dateien flandernweg1-3.pdf). Die auf dem Foto von 2009 zu sehende Garage war ursprünglich nicht vorhanden. An deren Stelle führte eine steile Abfahrt in eine Kellergarage.
Der Hof in Affoldern
Als der Pachtvertrag in Heimarshausen 1951 abgelaufen war, zogen meine Eltern mit ihren inzwischen 4 Söhnen nach Affoldern, wo sie einen anderen Hof gepachtet hatten. Da ich noch sehr jung war, habe ich nicht viele Erinnerungen an die Zeit in Affoldern. Ich kann mich an sonntägliche Spaziergänge,
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Fahrten mit der Kutsche im Sommer, und mit dem Pferdeschlitten im Winter erinnern. Mit den Schlittenfahrten war es allerdings bald vorbei, weil die Gemeinden wegen der aufkommenden Autos dazu übergingen, die verschneiten Straßen mit Splitt zu streuen und Schlitten auf den gestreuten Straßen nicht fahren konnten.
Ich kann mich auch noch daran erinnern, daß in der Erntezeit lange Tische und Bänke aus Brettern für die Erntehelfer aufgestellt wurden, wo diese verköstigt wurden. Diese Erntehelfer waren Flüchtlinge, die in der sog. Barackenstraße in Holzbaracken wohnten und gegen Naturalien (Kartoffeln oder Getreide) bei der weitgehend noch manuellen Ernte mithalfen.
In dem Wohnhaus in Affoldern wohnte auch die Verpächterin des Hofes, ich glaube sie hieß Frau Stiehl. Es war eine alte Frau, die in einem Winkel von fast 90° gebückt am Stock ging und darüber hinaus auch noch einen Buckel hatte. Sie entsprach ganz den Vorstellungen, die man als Kind von einer Hexe hatte. Meine Eltern hatten sie im Verdacht, den Kater vergiftet zu haben, weil dieser ihr einen Schinken angefressen hatte. Ich hatte Angst vor dieser Frau. Als ich ihr einmal allein im Kuhstall begegnete, ich glaube ich war 5 oder 6 Jahre alt, habe ich die Katze, die ich gerade auf dem Arm trug, auf sie geworfen und laut gerufen: "Hau ab, Du alte Hexe!", was mir einen ernsthaften Tadel meiner Eltern einbrachte.
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Mein Vater wollte jedoch nicht immer Pächter bleiben und einen eigenen Hof haben. Hier bot es sich an, den Söhnschen Hof in Sachsenhausen, der von den ledigen Geschwistern Fritz, Elise und Hermine bewirtschaftet wurde, zu übernehmen. Wir zogen also 1957 in die Semdenstraße 3 in Sachsenhausen. Es stellte sich jedoch heraus, daß Fritz, dem der Hof in Sachsenhausen gehörte, nicht bereit war, diesen zu seinen Lebzeiten zu überschreiben. Darauf hin suchte mein Vater nach neuen Möglichkeiten, einen eigenen Hof zu erwerben.
Auswanderung nach Frankreich
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1959 wurde er fündig und kaufte zwei nebeneinanderliegende Höfe in Saint Boès, einem kleinem Dorf in Südwestfrankreich. In den einen Hof, der der Namen "Lou Cassanet" trägt, zogen wir mit Ausnahme meines in Marburg studierenden Bruders Wilhelm ein. In den anderen Hof "La Campagne" zogen meine Großeltern Robert und Emma Gerlach ein. Der Umzug mit Möbeln, Landmaschinen und Vieh per Bahn füllte 4 Eisenbahnwaggons (vgl. Zeitungsartikel in der Datei wilhelmelse.pdf).
In Frankreich war vieles anders als in Deutschland. Das Dorf St. Boès ist keine geschlossene, von Feldern umgebene Siedlung, sondern jeder Hof liegt allein, inmitten der eigenen Felder. Darum gab es praktisch keine Infrastruktur. Kein fließendes Wasser, keine Kanalisation, nur einen sehr schwachen 110-Volt-Stromanschluß und lediglich ein öffentliches Telefon in der Dorfgaststätte. Das Wasser mußte aus dem eigenen Brunnen per Hand gepumpt und ins Haus getragen werden. Dies war sehr aufwendig, besonders an Wasch- oder Badetagen. Darum hat mein Vater sehr bald eine Elektropumpe in den Brunnen installieren lassen und eine Wasserleitung ins Haus gelegt. Wenig später legte er eine Kanalisation, die das Abwasser ein paar hundert Meter vom Haus entfernt in einen Graben leitete. Dadurch konnte endlich eine Toilette im Haus installiert werden und das Plumpsklo am Ende des Gartens wurde nicht mehr benötigt. (Inzwischen hat die Gemeinde St. Boès alle Häuser an die Wasserversorgung angeschlossen und mußte für die ca. 150 Dorfbewohner insgesamt 28 km Wasserleitungen verlegen. Auch der Strom wurde auf 220 V umgestellt und die Häuser wurden an das Telefonnetz angeschlossen.)
Obwohl 1959 der 2. Weltkrieg noch in allen Köpfen präsent war, sind wir kaum auf Ressentiments oder Feindseligkeiten gestoßen. Die Gegend war sogar ausgesprochen deutschfreundlich. Der Grund dafür war, daß während des Krieges der für diese Gegend zuständige deutsche Besatzungsoffizier keine Lebensmittel oder Waren beschlagnahmt, sondern für gutes Geld von den Bauern gekauft hatte. Außerdem hatte er diesen ihre Jagdgewehre gelassen, was sie ihm so hoch anrechneten, daß sie ihn nach dem Krieg immer wie einen Ehrengast empfingen, wenn er zu Besuch kam.
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Bedenken gab es eher von der anderen Seite: die Oma hatte die französische Besetzung des Rheinlandes nach dem 1. Weltkrieg erlebt und in sehr schlechter Erinnerung behalten. Es muß sie große Überwindung gekostet haben, mit nach Frankreich zu kommen. Ich kann mich erinnern, daß sie anfangs panikartig ins Haus lief und rief "Ein Franzose ist da!", wenn ein Nachbar zu uns kam.
Das größte Problem bei unserer Ankunft war die Sprache. Lediglich der Opa,
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der im 1. Weltkrieg in französischer Kriegsgefangenschaft gewesen war, konnte sich einigermaßen verständigen. Entsprechend schwierig war es, etwas einzukaufen, zumal es noch keine Selbstbedienungsläden gab und man dem Ladeninhaber schon in der Zeichensprache erklären mußte, was man wollte. Da mein Bruder Erhard und ich, damals 11 bzw. 10 Jahre alt, auf der französischen Schule natürlich viel schneller Französisch lernten als unsere Eltern, waren wir bald für das Einkaufen zuständig. Auch wenn mein Vater ein Schwein oder ein Kalb auf dem Viehmarkt in Orthez verkaufen wollte, mußte jemand zum Dolmetschen mit.
Ohne Dolmetscher konnte es schon mal zu Mißverständnissen kommen. Zum Beispiel als ein Nachbar vorbeikam und zunächst höflichkeitshalber fragte: "Je vous dérange?" und mein Vater wie immer, wenn er etwas nicht verstand, mit "oui, oui" antwortete und dann ganz erstaunt war, daß der Nachbar wieder ging. Dieser hatte nämlich gefragt, ob er stört.
Auch in der Landwirt war einiges anders als in Deutschland. Es wurde vor allem Mais angebaut, und dann noch Getreide für den Eigenbedarf.
Außerdem gehörten zwei kleine Weinberge zu den beiden Höfen. Die Weinstöcke hat mein Vater allerdings nach ein paar Jahren herausgerissen, weil man nicht über Nacht zum erfahrenen Winzer wird und der von uns produzierte Wein recht sauer war.
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An Vieh hatten wir vor allem Milchkühe und ein paar Schweine, und natürlich Kleinvieh wie Hühner, Enten, Puten und Tauben. Insbesondere die Milchkühe fanden Beachtung bei unseren französischen Nachbarn. Als wir in St. Boès ankamen, arbeiteten die dortigen Bauern noch mit rotbunten Kühen mit sehr langen Hörnern, die in erster Linie Arbeitskühe waren und nur 2 bis 3 Liter Milch pro Tag für den Eigenbedarf gaben. Darum waren die Kälber der von uns mitgebrachten reinen Milchkühe in den ersten Jahren sehr begehrt.
[Wilhelm-Kai, nach Berichten von meinem Vater und von Dr. Robert Söhne] Da die Kühe sehr begehrt waren, plante Wilhelm Söhne in Deutschland Kühe einzukaufen und mit dem Zug nach Frankreich zu bringen. Das hatte er bereits einmal getan - bei dem Umzug - und kannte die Schwierigkeiten aber auch den möglichen Gewinn. Er kaufte also Kühe in Deutschland und verlud sie in die Bahn. Als er an der deutsch-französichen Grenze ankam, ließen ihn die Zöllner nicht nach Frankreich einreisen, da in Deutschland die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen war und deswegen Frankreich ein Einfuhrverbot für deutsche Kühe erlassen hatte. Er vesuchte es noch an einer anderen Grenzstation - aber umsonst. Das Einfuhrverbot war eine Stunde vor seinem geplanten Grenzübertritt erlassen worden.
Später kamen noch Pferde hinzu. In Deutschland hatte mein Vater neben dem Trecker immer Pferde gehabt, aber diese abgeschafft, als wir nach Frankreich zogen. Aber als er in Rente ging und den Hof meinem Bruder Erhard überließ, gönnte er sich wieder das Vergnügen, ein paar Pferde zu halten. Aber weil diese weder geritten, noch bei der Arbeit eingesetzt wurden, waren diese Tierchen nicht ausgelastet und mitunter recht stürmisch. Sie haben meinen Vater öfter umgerannt, wenn er sie morgens aus dem Stall ließ.
Obwohl wir die ersten richtigen Milchkühe und auch den ersten Trecker nach Saint Boès brachten,
waren die Anfänge recht schwierig. Mein Vater hielt zwar das Geld eisern zusammen, aber dennoch war nicht immer Bargeld vorhanden. Hier half dann der Opa, der sich außer ein oder zwei Gläschen Cognac am Abend, etwas Kautabak und seinen Zigarren der Marke "Voltigeurs" nicht viel gönnte, mit seiner Rente aus. In einem Jahr reichte selbst diese nicht aus, um die Zeit bis zur nächsten Ernte zu überbrücken und wir mußten einen Teil unserer Enten verspeisen. Nachdem vier Wochen lang täglich Ente auf dem Speiseplan gestanden hatte, wollte niemand mehr Entenfleisch essen und diese wurden abgeschafft.
Meine Eltern haben den Kontakt zu Deutschland nie abgebrochenen.
So hatten sie die Waldeckische Landeszeitung abonniert und diese wahrscheinlich gründlicher gelesen, als die meisten Waldecker es taten. Später konnte man in Orthez drei deutsche Illustrierten kaufen, den Stern, die Quick und die Neue Revue. Auch diese wurden eifrig gelesen.
Außerdem konnte man mit dem Radio auf Kurzwelle zwei deutsche Sender empfangen, die Deutsche Welle und den Bayerischen Rundfunk. Darum hörte mein Vater während des Mittagessens immer die Nachrichten. Aber weil der Empfang auf Kurzwelle nicht sehr gut, und häufig sogar ausgesprochen schlecht war, waren die Nachrichten meist von fürchterlichen Nebengeräuschen wie Pfeifen, Quietschen oder Bollern begleitet, aber das konnte meinen Vater nicht abhalten.
Dann kam häufig Besuch aus Deutschland und manchmal fuhren meine Eltern auch selbst für kurze Zeit in die Heimat zurück, aber immer getrennt, weil sie wegen der Milchkühe den Hof nicht gleichzeitig verlassen konnten.
Und schließlich gab es im Umkreis von 50 km eine Reihe von deutschen Familien, die in lockerem Kontakt standen und sich von Zeit zu Zeit gegenseitig besuchten (vgl. Artikel in der Datei wilhelmelse2.pdf). Ich möchte hier die Familie Riemann und die Familie Schramm in Pau, die Familie Schreiber in Saint-Sever und die Familie Von Senfft zu Pilsach in Usquain bei Sauveterre erwähnen. Und dann gab es noch Gerhard Böck, einen Deutschen, der nach seiner französischen Kriegsgefangenschaft gar nicht mehr nach Deutschland
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zurückgekehrt war, bei einem Bauern im Nachbarort Mouscardez arbeitete und uns häufig besuchte. Gern kam er zu Weihnachten, um mal wieder einen Weihnachtsbaum zu sehen, selbst wenn dieser ein Kiefernbaum war (Tannen oder Fichten gab es in Südfrankreich nicht). In den ersten Jahren kamen übrigens auch einige unserer französischen Nachbarn, um unseren Weihnachtsbaum zu bestaunen (in Frankreich schmückte man keinen Baum, sondern hängte Socken an den Kamin, die der Weihnachtsmann über Nacht füllte).
Meine Eltern haben es nie bereut, nach Frankreich gegangen zu sein und blieben dort
Wilhelm und Else im August 1976.jpg
bis zu ihrem Tod, ebenso wie die Großeltern. Die Oma starb 1961 an einer Gehirnblutung (ein Ofenrohr hatte sich gelöst und war ihr gegen den Kopf gestoßen), der Opa erlitt 1968 einen Schlaganfall und starb ein halbes Jahr später am am 24.10.1968. Die Mutti starb nach kurzer Krebserkrankung am 3.4.1987 im Krankenhaus in Orthez, und der Chef (so nannten wir unseren Vater) folgte ihr am 26.7.1996.