Brief von Walter an Wilhelm

Aus Söhnewiki
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(Original im Besitz von Dr. Robert Söhne]

Cüstrin, 15.12.44

Lieber Wilhelm!

Nach langer Zeit habe ich endlich Deine Adresse erfahren können. Ich hoffe daß Du noch gesund bist und es Dir, den gegebenen Umständen gemäß, gut geht. In den nächsten Tagen fahre ich wahrscheinlich nach Hause. In Korbach und Heimarshausen ist, soweit ich informiert bin, noch alles beim Alten. Fritz habe ich im vorigen Monat öfter in Potsdam besucht. Er will sich wahrscheinlich bald verheiraten. Man kann ihm da weder zu- noch abraten. Ich selbst würde lieber noch warten. Die Lebensbedingungen haben sich im letzten halben Jahre doch um vieles geändert.

Mich selbst hat die Totaliesierung(?) der Universität auch wieder aus dem eben mühsam errungenen Studiumsbeginn herausgeworfen, die alte Leier, so oft geübt und verflucht, beginnt wieder, auch wenn das Getriebe knirscht, die graue Resignation, die Dich wahrscheinlich so oft quält, ist mir auch nicht mehr unbekannt.

Ich will mich einmal erkundigen, ob man etwas schicken kann. Ich habe noch von meiner Schulzeit ein ausgezeichnetes engl. Lehrbuch, ganz für die tägliche Gebrauchssprache. Und vor allen Dingen leicht faßlich, auch für Anfänger. Auf jeden Fall möchte ich Dir dringend eine angespannteste geistige Arbeit anraten. Als erstes wäre da die vollständige Beherrschung der Landessprache. Sei um Gottes Willen nicht mit Brocken und Fragmenten zufrieden. Wenn Du die Sprache in Wort und Schrift beherrschst, wirst Du auch in kurzer Zeit, sogar in Deiner Lage, Dir eine Position verschaffen können, die Dir auf jeden Fall das Dasein erleichtert.

Aber vor dem Erfolge steht eine geistige Leistung, die wirklich nur durch eisernen Willen zu schaffen ist. Zumal Du ja nicht in der Lage bist, Dich den ganzen Tag über ausschließlich mit Dir selbst zu befassen. Versuche doch mit irgend einem Kameraden in Kontakt zu kommen, der Dir behilflich sein kann.

Auf jeden Fall laß Dich nicht unterkriegen. Gerade in unserer Familie ist das Heimweh eine ausgesprochene Erbkrankheit. Gehe dagegen an, ja, schlag es tot, und Du wirst in kurzer Zeit schon Deine alte Aktivität wiedererlangen.

Herzl. Gruß
Dein Walter